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Hinterlassenschaft
Präzise, chirurgisch und sauber, so lügen sie heute vom Krieg! Wie kann man nur bloß so verdrängen?
Erinnern, das mir von dir blieb:
Wir saßen bei dir in der Wohnung, Südwestkorso in West-Berlin. Ich war damals grad’ 18 Jahre,
und wollte mit Freunden loszieh’n.
Du hattest Gedichte geschrieben, in Möbeln, antik, voller Glanz,
eins wolltest du uns noch vorlesen: sein Titel, der lautet Bilanz !
Wir kamen auf diesen Planeten, ob wir wollten,- oder nicht.
Wir hungerten uns durch zwei Kriege und bekamen ein ernstes Gesicht.
Wir hockten in Luftschutzkellern, und über uns brannte das Haus. Wir trugen unsre Söhne zu Grabe
und wußten: Alles ist aus.-
Wir richteten uns in die Höhe und sah’n uns - verwundert - um, dann sind wir weitergewandert
und wußten nicht: Warum.
Wir stolperten über die Steine, wir suchten nach einem Sinn, und sah’n über lodernde Dächer
und rauchende Trümmer hin!
Unser Lächeln,- das war gestorben. Unsre Züge blieben erstarrt, und unser Herz, das warme,
erfror und wurde hart.
Dann kamen die Männer nach Hause. Verhungert, ob Herr oder Knecht. Sie flickten die Dächer und Türen
mit Wellblech und Pappe zurecht.
Wir räumten den Schutt von den Straßen, doch die “Eine” stand abseits und schrie:
“Mein Mann, mein Sohn und mein Enkel, Oh Gott, wo bleiben denn die?”
Gefallen, - vermißt - und verstorben. Oh, frage mich nicht: “Wofür!”
Schweig stille und halte den Atem. Das Leid klopft von Tür zu Tür.”
So hörten wir dich, Irmgard Haehnel, wie damals so mancher im Fernseh’n,
Silvester rückte immer näher, doch wir konnten nicht einfach weggeh’n.
Und Wolfram, dein Sohn, 19 Jahre, als Foto nur blickt von der Wand! Verhungert am Ende des Krieges,
und still drückten wir dir die Hand.
(verfasst von Gerd Haehnel am 30.03.2003 unter Verwendung eines Gedichtes von seiner Großtante
Irmgard Haehnel, geb. Scholz am 9.1.1894 in Schlesien, gest. in den 1980ern in Berlin Friedenau, die auf dem Foto oben in ihrer Berliner Wohnung zu sehen ist, darunter ihr Sohn Wolfram mit seiner
Großmutter Marie Haehnel; alle Rechte bei Gerd Haehnel, Essen: http://www.menschenschattenspiel.de)
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